Erfahrungsbericht

Auslandsstudium an der
UNIVERSITAT AUTONOMA DE BARCELONA

1994/95

von
Axel Conrad



1. Über diesen Bericht

Im Wintersemester 1994/95 begann mein rechtswissenschaftliches Studium an der Universitat Autonoma de Barcelona (UAB). Der Austausch erfolgte im Rahmen des Erasmus-Studienprogrammes von Prof. Dr. Wacke.
Vorab will ich auf den hervorragenden Bericht von Till Schweiger verweisen, dem bis auf wenige Kleinigkeiten nichts hinzuzufügen ist. Der Bericht kann im Institut von Prof. Wacke eingesehen werden.
Wir werden uns hauptsächlich zwei Themen widmen: Es werden erstens einige Tips für Festentschlossene bezüglich des Studiums (Freischuß! ) gegeben. Zum zweiten wollen wir das Leben in der Stadt kennenlernen, das als Schmankerl die noch Wankelmütigen vom Auslandsstudium überzeugen soll.
Der Bericht ist wie folgt gegliedert:



2. Einleitung: Barcelona und die Katalanen

Ursprünglich sollte es nach Japan gehen, doch nun stand ich - Fuji analog - nach einem Auslandssemester in Zürich auf dem Montjuic und blickte auf eine phantastische Stadt: Barcelona! 1,7 Millionen Menschen (Umland 4,2 Millionen) drängeln sich in der Hauptstadt der autonomen Region Katalonien. Der Katalane - selbstdefiniert als Mitteleuropäer mediterraner Prägung - grenzt sich nur allzu gern von dem - wie es Till beschrieb - "siestierender Flamencotänzer", also dem "gewöhnlichen" Spanier ab.
Aber auch wenn regelmäßig auf die Unzuverlässigkeit "der da in Madrid" geschimpft wird, so ist doch eine gewisse (entsprechende) Grundhaltung in eben diesen Dingen nicht ganz abzustreiten, wie der Leser im Verlauf des Berichtes erkennen wird.
Gerade nach Beendigung der Franco-Diktatur blühte das Nationalbewußtsein der Katalanen auf, so daß man mittlerweile nicht nur auf einen der besten Fußballvereine der Welt, sondern auch auf die eigenständige Kultur sehr stolz ist.


3. Sprache

Und genau da fangen die Schwierigkeiten für den ausländischen Studenten an: Denn Katalanisch wird hier - entgegen einer Mindermeinung - weit häufiger als Spanisch (Castellano) gesprochen. Problematisch ist das deshalb, da sich die beiden Sprachen zueinander verhalten wie hochdeutsch zu schwyzerduetsch. Aus diesem Grund werden beispielsweise Interviews mit Katalanen im spanischen Fernsehen nur mit Untertiteln gesendet.
Doch auch wenn die Bereitschaft unter den Einheimischen Castellano zu sprechen nicht gerade berauschend ist, so wird man sich doch mit fundierten Spanischkenntnissen verständigen können.
Auf jeden Fall sollte man vorher zur Auffrischung vorhandener Kenntnisse einen mehrwöchigen Sprachkurs besuchen. In einem Intensivkurs über acht Wochen kann man die notwendigen Grundkenntnisse über die zweitwichtigste (!) Weltsprache wiedererlernen. Angebote von zahlreichen Sprachkursveranstaltern finden sich überall im Kölner BWL-Hochhaus angeschlagen.
Die Universität bietet auch Sprachkurse sowohl in Castellano, als auch in Katalanisch an. Ein norwegischer Teilnehmer meinte knapp, der Kurs sei "kosten- und sinnlos". Das ist nun übertrieben, denn man lernt schon eine Menge, vor allem auch Leute kennen. Glücklicherweise werden von verschiedenen Instituten in Barcelona weitere Kurse angeboten. Dabei ist immer auf eine frühzeitige Anmeldung zu achten.
Die erste Zeit in Barcelona verbrachte ich ausschließlich mit Spanischlernen. In einer fremden Sprache zu leben, ist eben doch etwas anderes, als sie in der Schule zu lernen. Für einen schnellen Wiedereinstieg empfehle ich die Langenscheidt Sprachkurse mit Kassetten.
Insgesamt lernt man verblüffend schnell, vor allem wenn man nicht zusammen mit Deutschen, sondern möglichst mit Spaniern lebt. Denn nur ein geringer Prozentsatz der Spanier spricht eine Fremdsprache - auch wenn die Katalanen Castellano oft für eine Fremdsprache halten. Spätestens dann wird man nach drei Monaten sich in Spanisch über "Gott und die Welt" unterhalten können.

Wie schon oben angesprochen, ist das Problem in Barcelona die Zweisprachigkeit. Anfangs sagte jeder, daß sei kein Problem. Doch sogar Nichtkatalanen, die hier seit Jahren leben, haben Schwierigkeiten. An der Uni sind bestimmte Kurse nur in Katalanisch. Doch glücklicherweise werden die Rechtsveranstaltungen in beiden Sprachen angeboten.


4. Universität

4.1 Der erste Tag

Die erste Fahrt zur Uni sollte direkt zum Erasmus-Büro im Hauptverwaltungsgebäude führen. Vor Ort gibt es keinen Hinweis, daß überhaupt ein solches Büro existiert. Stetes Durchfragen ist daher lebensnotwendig.
Der Besuch des Erasmus-Büros ist relativ wichtig: Man erhält dort Informationen und einen Studentenausweis (Paßbild nicht vergessen). Danach schließt sich der Besuch des Erasmus-Büros der Fakultät an. Meine zuständige Koordinatorin war Professorin Lydia Santos vom Institut für Internationales Privatrecht, die - hier kann ich mich Till nur anschließen - wirklich sehr hilfsbereit und überdurchschnittlich zuverlässig war (dazu unten). Sie hilft unter anderem bei der Auswahl der Kurse (dazu ebenfalls unten).

4.2 Das Wesen der Uni

Nachdem man die Formalitäten erledigt hat, kann man draußen bei dem ewig guten Wetter die Universität inspizieren. Das Gebäude sieht wie ein formvollendeter Bunker in offener Bauweise aus. Im Oktober begann die (recht kurze) Regenzeit. Wir hatte schon die Befürchtung, daß wir nicht nur von oben (Dach kaputt) naß werden würden, denn die Uni wurde über einem idyllisch dahinflie▀enden Bach gebaut, der plötzlich zu einem reißenden Strom anschwoll.
Im Gegensatz zur Stadt kann man hier richtig Luft holen, denn die Uni steht 25 km außerhalb Barcelonas auf der grünen Wiese. "Wiese" ist nicht ganz richtig, denn es handelt sich wegen der fortwährenden Erweiterung der Uni um eine große Baustelle. Das hat aber auch den großen Vorteil, daß dementsprechend auch die Einrichtung auf modernstem Stand ist. In der Bibliothek finden sich beispielsweise die wichtigsten deutschen Bücher, Zeitschriften und Kommentare. Insofern hat man die Möglichkeit, sein deutsches Studium nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Dieses passiert nur allzu leicht: Zwar geht der spanische Student ordentlich zu den Vorlesungen, der wie Schulunterricht aufgebaut ist und in dem alle mitschreiben, doch insgesamt findet bis kurz vor Ende des Semesters ein kollektives "Kaumetwastun" statt. Ein spanischer Student meinte hierzu, daß das Studium nicht Selbstzweck sei, sondern grundsätzlich nur "einen späteren Einstieg in die Arbeitslosigkeit" verschaffen solle. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 20% erscheint das auch nicht abwegig.
Die Professoren unterscheiden sich ebenfalls von Ihren deutschen Kollegen: "Professor" wird jeder genannt, der einen Kurs leitet. Darunter finden sich recht häufig Praktiker und Doktoranden, die erst vor kurzem selbst Examen gemacht haben und daher prüfungsorientierter lehren.
Insgesamt bietet sich daher das Bild einer sehr jungen Uni, in der man sich - wie im täglichen Leben - duzt.

4.3 Weitere Einrichtungen

Zurzeit noch ein wenig abgelegen, befindet sich etwas weiter südlich das Sportzentrum. Der monatliche Grundpreis ist verhältnismäßig gering, vor allem wenn man sich als Erasmus-Student ausweisen kann. "Erasmus" ist an der Uni ein Zauberwort für etliche Vergünstigungen. So bekommt man auch kostenlos eine Internet-Adresse. Der "passende" Computerraum befindet sich über der Cafeteria der Juristen und Sozialwissenschaftler. Dort "hausen" ständig einige Computerbessesene, die den ganzen Tag im Internet surfen und einem gerne erklären, was sich alles mit dem Computer machen läßt. So läßt sich mit Hilfe des Internets die Post- und Telefonrechnung erheblich verringern.

4.4 Kursbelegung

Nun zu dem wichtigen Punkt, welche Kurse man belegen soll. Man sollte sich noch in Deutschland ein Vorlesungsverzeichnis schicken oder faxen lassen. Die Belegung von mindestens acht Wochenstunden im ausländischen Recht war zu meiner Zeit Pflicht, damit das Semester für den Freischuß als Urlaubssemester angerechnet wird. Der Gang zum Justizprüfungsamt sollte nicht gescheut werden. Dort kann man genau absprechen, welche Kurse belegt und welche Scheine erworben werden müssen. Darüber hinaus läßt sich klären, welche Kurse als Grundlagenschein oder Wahlfachgruppe anerkannt werden. Das alles muß vor der Abreise geklärt werden!
In Spanien ergibt sich dann das nächste Problem, daß nämlich grundsätzlich keine Seminare angeboten werden. Dennoch kann man direkt zu den Professoren gehen und fragen, ob man eine Seminararbeit anstatt einer Klausur schreiben kann. Dieses ist in viererlei Hinsicht durchaus sinnvoll: Erstens gibt es bei der Anrechnung eines Seminars beim JPA weniger Probleme als mit einer Klausur. Zweitens kann ein Seminar wesentlich interessanter als eine Vorlesung sein, drittens wird man in der Regel den Schein bekommen. Die Seminararbeit macht aber auch wesentlich mehr Arbeit. Viertens ist ein Seminar eine sehr gute Übung im Hinblick auf eine rechtsvergleichende Promotion. Serge Reitz, der das letzte Jahr in Sevilla verbrachte, konnte über Prof. Dr. Hanau sogar seine Arbeit veröffentlichen.
Die Unüblichkeit von Seminaren soll aber nicht dazu verleiten, daß man annimmt, die Anforderungen seien besonders hoch. Drei Monate habe ich intensiv über meiner Arbeit gebrütet, um mir dann sagen zu lassen, daß wesentlich weniger erwartet gewesen sei.
Wie mir bei meinem zweiten Seminar klar wurde, stellen die einzelnen Professoren unterschiedlich hohe Anforderungen, so daß es im Ergebnis wesentlich weniger Aufwand gewesen wäre, gleichzeitig bei mehreren wegen eines Seminars vorzusprechen.
Zuletzt soll noch darauf hingewiesen werden, daß man sich für den Freischuß alles bescheinigen lassen muß, was irgendwie relevant werden kann. Das sollte man auch nicht bis in die letzte Woche verschieben, denn auf die Bescheinigung über die belegten Wochenstunden mußte ich trotz mehrmaligen Nachfragens bei meiner Koordinatorin drei Wochen warten! Und ohne diese Unterlagen wird das Semester ggf. nicht - s.o. - gewertet.
An Vorlesungen besuchte ich - neben dem Strafrechtseminar - zwei Vorlesungen im Staatsrecht, eine Vorlesung über den AT des Strafrecht (für die notwendigen Grundlagen, damit ich überhaupt wußte, worüber ich schreiben soll) und eine Vorlesung im Familienrecht.
Insgesamt muß ich einem Kommilitonen aus Berlin zustimmen, wenn er sagt, daß das Studium "recht locker und einfach" ist.



5. Wohnungssuche

Ebenso unkompliziert ist die Zimmersuche. Am sichersten und bequemsten ist es, wenn man über die Uni suchen läßt.
Die Uni bietet grundsätzlich zwei Wohnmöglichkeiten an: In Barcelona oder - 25 km entfernt vom "Leben" - auf dem Campus (Villa). Von dort erspart man sich die nervige Fahrerei, doch man "erspart" sich auch die Lebensfreude, die gerade Barcelona ausmacht. Man bekommt so von der Stadt nichts mit! Es sei denn, man hat ein Auto. Mit einem solchen Gefährt muß man zwangsläufig in der Villa leben, denn in Barcelona ist es sehr schwer, einen Parkplatz zu finden, noch wird irgendjemand bei Einparken auf Dein Vehikel Rücksicht nehmen. Da ist schon eher ein Motorrad angebracht, zumal das Wetter sehr bikerfreundlich ist. Am besten ist aber doch die Anreise per Flug (370,-- DM/ Angebote finden sich immer im Kölner Stadtanzeiger) und eine Wohnung/Zimmer in der Stadt. Dafür spricht auch, daß man aus den Dreimonatsverträge für die Villa nur schwer wieder herauskommt.
Wohnt man in der Stadt, so ergibt sich das lästige Problem mit der Fahrerei: Zum einem ist sie recht teuer, zum anderen sind die Züge schnell wie Rennschnecken und extrem voll. Morgens vierzig Minuten eingeklemmt wie eine Ölsardine stehen, halte ich auch heute noch nicht für den idealen Frühsport. Verbilligte Wochen-Tickets bekommt man am Hauptschalter der Eisenbahngesellschaft am Placa Catalunya nach Vorlage des Studentenausweises.


Ist man unglücklich mit seinen vier Wänden, weil sie entweder zu baufällig, zu teuer oder einfach zu laut sein sollten, so kann man sich recht einfach ein neues Zuhause suchen. Geeignete "Fundgruben" für Anzeigen sind die schwarzen Bretter in der Universidad Central am Placa de la Universidad (der Besuch lohnt sich schon allein wegen des unglaublich schönen Unigebäudes), die Donnerstagsausgabe der LA VANGUARDIA (katalanisches Gegenstück zur EL PAIS), oder das, was man so im Bekanntenkreis aufschnappt. Die Kosten sind eher moderat: 200,-- bis 500,-- DM, je nach Lage und Zustand. Darin kann unter Umständen ein Gästezimmer enthalten sein, dass sehr nützlich ist: So hatte ich ab Ende Dezember durchgehend Besuch. Man soll sich wirklich nicht scheuen, sich ein neues Zimmer zu suchen, wenn einem das alte nicht gefällt. Aus meinem Bekanntenkreis war ich übrigens der einzige, der nicht umgezogen ist.

6. Barcelona - eine Stadt, die ihresgleichen sucht

6.1 Überblick

Nun wollen wir unseren Blick auf die Stadt lenken. Ich will nicht sagen, daß ich begeistert war, denn das wäre eine glatte Untertreibung. Es ist vielleicht die schönste Stadt Europas und sicherlich eine der interessantesten weltweit: Die Stadt der Architektur, der Kunst, des Fußballs und einer, auch wenn es widersprüchlich klingt, hektisch strebsamen Gemütlichkeit.
Sie ist nicht nur wegen ihrer Vielfältigkeit an Baustilen ein Mekka für Architekturstudenten, sondern auch aufgrund der namhaften Künstler und des katalanischen Lebensstil für jedermann von Interesse. Ausgangspunkt jedes Lebens ist die Placa Catalunya. Nach Süden geht die Rambla ab, nach Norden führt der Passeig de GrÓcia, die die kleine Schwester der Champs-Elysse in Paris sein könnte, nur eben schöner.
An dieser Straße hat Antoni GaudÝ, der Architekt Barcelonas, zwei seiner bekanntesten Häuser gebaut: Die Casa Batllo und die Casa Mila. Wer beim Anblick dieser Gebäude in sofortiges Schwärmen verfällt, den wird die Stadt für immer gefangen haben.
Links und rechts von dieser Prachtstraße erstreckt sich die Neustadt, die Anfang des Jahrhunderts erbaut wurde. Sie und die Olympiade haben der bereits zur Zeit der Römer gegründeten Stadt ein modernes Gepräge gegeben, ohne daß der alte Teil seinen Reiz verloren hat.

Die Moderne in einer alten Stadt: Parc de l┤Espanya Industrial


6.2 GrÓcia: Eine ruhige Seele in einem pulsierenden Herzen

Am Ende der GrÓcia liegt der Stadtteil GrÓcia, welcher früher einmal eine Arbeitersiedlung gewesen sein soll. Der Charme dieses Stadtteils hat die Abrißbirnen im Vorfeld der Olympiade von 1992 nahezu unbeschadet überstanden. Die furchtbar engen Gassen, kleinen Lädchen, die anscheinend nie schließen (oder auch öffnen), und - anstelle der üblichen Supermärkte - die Märkte mit unzähligen Anbietern machen das Leben hier sehr, sehr beschaulich und stellen einen angenehmen Kontrast zu dem hektischen Leben im Rest der Stadt dar. Hier macht das Leben richtig Spaß, wenn man sich beispielsweise am frühen Sonntagmorgen "a las doce" zum Kaffeetrinken am Cafe del Sol trifft.
Was hingegen ein Problem ist, ist die Luft. Rauchen ist gesund, jedenfalls hier. Katalysatoren oder Luftfilter sind nahezu unbekannt, und der Luftaustausch klappt nicht so gut wie anderswo. Eigentlich funktioniert er überhaupt nicht. Nach dem BImSchG dürfte hier keiner herumfahren, geschweige denn leben. Hier ist so viel Verkehr, daß die Müllabfuhr nachts ihre Touren drehen muß. Und im Krachmachen sind die Spanier mindestens genau so gut wie ihre deutschen Kollegen.

Eine der vielen schönen Ecken in GrÓcia: Placa del Sol

Was soll man nun in der Freizeit, die man als Student gewöhnlich zu haben pflegt, alles besuchen? Um die Stadt wirklich kennenzulernen, braucht man schon eine ganze Menge Zeit. Deshalb hier nun ein kurzer Überblick über die Sehenswürdigkeiten, die man gesehen haben muß oder wenigstens gesehen haben sollte.

6.3 Was man gesehen haben muß

Eigentlich muß man alles gesehen haben, doch folgende Bauten lassen Barcelona unvergeßlich werden:
  • Die Sagrada Familia: Diese auch als "Predigt in Stein" bezeichnete, bislang unvollendete Kirche, stellt GaudÝs größtes Projekt dar. Wie sie zukünftig einmal aussehen soll, zeigt das Hintergrundbild.
  • Santa Maria del Mar: Ergreifend schlichte Kirche, "ein Juwel der katalanischen Gotik in herber Strenge und Klarheit", wie es der ADAC-Reiseführer nennt.

    Kleiner Exkurs über Reiseführer

    Von den vier Reiseführern, die beim Hinflug im Gepäck lagen, gefiel mir der genannte ADAC- Reiseführer am besten. Zur Einstimmung auf die zu erwartenden Architekturhochgenüsse empfiehlt sich der dicke Bildband "Barcelona" aus dem Taschen-Verlag. Die Fotos sind sehr gut, doch können sie das leuchtende Blau des katalanischen Himmels nicht wirklich einfangen. Hingegen fand ich die anderen, vor allem den von Till erwähnten Merian-Reiseführer, nur "suboptimal".

  • Rambla: Eine Art Fußgängerzone, auf der wirklich immer etwas los ist. In der Nähe der Mitte befindet sich die Placa Real, der Treffpunkt schlechthin.
  • Der "Deutsche Pavillon" von Mies van der Rohe: Für eingefleischte Architekturfans sicherlich ein absolutes Muß!
  • Universitat Central: Eine wunderschönes, ruhiges Gebäude inmitten des Herzens der Stadt. Es gehört zur UB (Universidad de Barcelona, zweite staatliche Uni neben der UAB).
  • Passeig de GrÓcia: Prachtboulevard, an dem die wichtigsten Firmen ihren Sitz haben und der durch die zwei Häuser von GaudÝ heraussticht (s.o.).
  • GrÓcia: Besser wäre der Name "Krachia" gewesen, denn es ist auf den Hauptstraßen ziemlich krachig. Der Stadtteil vermittelt aber dennoch eine ruhige, gemütliche Stimmung. Ein Belgier beschrieb es so: "Wer hier gewohnt hat, für den ist es der beste Platz zum Leben auf der Welt." Irgendwie hat er Recht, und ein wenig hängt da mein Herz daran.
  • Barri Gothico: Die enge und ebenso stimmungsvolle Gäßchen laden zu einem Besuch ein. Aber es ist natürlich längst nicht so gemütlich wie in GrÓcia.
  • Parc Guell: Von einem Hügel inmitten des von GaudÝ angelegten Parks kann man einen herrlichen Ausblick über die Stadt genießen.
  • Casa Guell bei der Rambla: Kaum bekannt, aber dennoch ein "Muß", denn hier kann man GaudÝs verrückte Phantasien von innen erleben.
  • Parc Laberint: Für Parkfetischisten ist dieser wunderschöne Park, der leider etwas außerhalb liegt, das, was der "Deutsche Pavillon" für Architekturfreaks ist.
  • Einige Museen (dazu weiter unten).

6.4 Was man gesehen haben sollte

Daneben gibt es noch eine große Menge an Sehenswürdigkeiten, die, wenn man Zeit hat, sich auch noch ansehen sollte: Placa Espanya; Placa Catalunya; Poble Espanyol; Arc de Triomf; Catedral und Wandelgang; Palau de la M˙sica (üppig wuchernder Jugendstil); Diagonal (modernste Architektur); Estadi F.C. Barcelona (das größte Stadion in Europa mit 120.000 Plätzen. Karten sind recht teuer und lohnen sich nur für Spitzenspiele, denn wenn Barca gegen Hinterputzenhausen spielt, dann ist es recht leer und stimmungslos. Dazu siehe unten unter 6.6); Olympiagelände (Besuch ist kostenlos); Castel Montjuic wegen des hervorragenden Ausblickes; Estacio de Franca; Hospital St. Creu; Parc Industrial und Parc Crueta del Coll: Jeweils der Versuch eines schönen Parks; Parc de L'Estacio del Nord wegen des GaudÝ-liken Drachenrückens; die Märkte auf der Rambla bzw. in GrÓcia.
Ein kleines Highlight ist die Farbenpracht der untergehenden Sonne, die man wunderbar an leicht bewölkten Abenden an dem dann ruhigen Strand vor dem Olympiagelände genießen kann.

Blick auf das Olympiacentrum am Strand


6.5 Bars und Diskos

Barcelona ist nicht nur die Stadt der Architekten, sondern auch die der Designer. Auch wenn man sonst (wie ich) so gut wie nie einen Fuß in eine Bar oder Disko setzt, so lohnt sich der Besuch allein wegen der Einrichtungen. Wer die Torres de Avila, das Nick Havanna, Otto Zutz und die unendlich vielen kleinen Bars und Discos zwischen der Universitat Central und Placa Rei Joan Carles I. nicht gesehen hat, der hat wirklich einen wichtigen Teil des Lebensstil in Barcelona verpaßt.
Hingegen kann ich "normale" Diskogänger nur warnen, denn die Musik ist - und das war die Meinung aller Nordeuropäer - schlichtweg und durchgehend grauenhaft. Glücklicherweise ist das Bier hingegen besser als die Musik, auch wenn es hier - Arminia analog - keine alkoholfreie Variante gibt.

Imposant: Torres de Avila im Poble Espanol


6.6 Museen

Barcelona ist (nach Madrid) mit Abstand die wichtigste Kunstmetropole Spaniens. Über vierzig Museen erwarten den interessierten Museumsgänger. Doch einige Sammlungen enttäuschen eher, denn es ist ein beliebtes Spiel, daß man alles, was irgendwie mit Katalonien zu tun hat, in ein Museum stellt und als Heiligtum verehrt.
Auf jeden Fall sollte man - auch der Nichtkunstinteressierte - das Picasso-Museum besuchen. Daneben wartet auf dem Montju´c der prächtige Bau des Miro-Museums. Der Inhalt ist dann aber weniger beeindruckend. Gleiches gilt für das Dali-Museum in Figueres, für das man mit Hin- und Rückfahrt einen Tag einrechnen muß. Wechselnde - und zum Teil wirklich hervorragende - Ausstellungen bietet ein (wenig bekanntes) katalanisches Museum am Pl. Rei Juan Carlos I. Dort konnte man z.B. Anfang des Jahres auch die wichtigsten Werke aus Figueres und anderen Dali-Museen besichtigen.
Zwei weitere Museen in sind nicht unbedingt für die breite Masse interessant: Zum einem ist das Museum des FC-Barca, wie ihn die Fans liebevoll nennen, für Fußballfans beeindruckend. Man kann von dort auch in das Stadium gehen. Das kann man übrigens auch (kostenlos) die letzten zehn Minuten während der Spiele. Zum anderen ist die Fundaciˇ Tapies zu nennen. Das Gebäude ist zwar sehr einladend, doch in der Sammlung sind leider nicht dessen beste Bilder zu finden.

Einer der vielen modernen Parks

6.7 Abschließender Rückblick

Es bleibt festzustellen, daß Barcelona insgesamt mehr zu bieten hat als Köln. Als ich zurückkehrte, sah ich erst einmal, was für eine graue Maus Köln doch ist. Man merkt schon, daß bei uns durch den Krieg viel verloren gegangen ist und die Architektur bei uns nicht so großgeschrieben wird.
Zudem wurde Barcelona für die Olympiade generalüberholt. Sie ist derzeit also eine der sehenswertesten Städte Europas. Die Frage ist nur, wann diese frische Schönheit verblüht. Die Straßen jedenfalls sind teilweise wieder in recht baufälligem Zustand.
Doch insgesamt bleibt - gerade wegen des schönen Wetters - festzustellen: Barcelona vermittelt das Gefühl eines endlosen Sommers - auch im Winter.


7. Die Umgebung von Barcelona: Spanien

Wie schon oben angesprochen, lohnt sich für Dali- Interessierte ein Besuch in Figueres. Ein Reiseziel in der Nähe von Barcelona ist auch Montserrat, eine alte Klosteranlage, die sich den Vorwurf gefallen lassen muß, daß dort weniger das Kloster und die schwarze Madonna im Vordergrund stehen, sondern möglichst viele Touristen zu schröpfen.
Die Anreise nach Figueres und Montserrat gestaltet sich sehr angenehm per Bahn. Zwar kann man dorthin auch mit dem Auto fahren, doch wurde einem Bekannten in Montserrat das Auto aufgebrochen, was - wie die örtliche Polizei meinte - ortsüblich sei. Mit der Bahn fuhr ich mit einem Bekannten für eine Woche nach Madrid. Wenn man schon in Spanien verweilt und die Sprache flüssig beherrscht, so sollte man sich das nicht entgehen lassen. Madrid ist noch größer, noch wuseliger und hat noch mehr Museen. Der Prado, das Museum der Königin Sofia (Guernica von Picasso) und die Sammlung Thyssen-Bornemisza sind alleine schon einen Besuch der Hauptstadt wert.
Die Stadt versprüht eine eigenwillige, angespannte Atmosphäre, doch leben möchte ich dort nicht. Genau so wenig wie ewig in Barcelona. Oder vielleicht doch? Das Wetter war jedenfalls hervorragend: Die letzten drei Monate hatten wir so gut wie keinen Regentag.


8. Zum Leben in Barcelona und einige praktische Hinweise

8.1 Saturday night fever

Was soll man denn machen, wenn man nicht gerade Jura oder Spanisch lernt? Die Frage müßte eigentlich eher heißen: Was kann man nicht machen? Hinweise auf die meisten Veranstaltungen finden sich in der "Guia del Ocio" und Freitagsausgabe der "El Pais". Empfehlenswert ist übrigens das ungeheuer reichhaltige Kinoprogramm. Kino ist hier nicht nur billig, sondern es gibt unzählige Programmkinos mit Spielfilmen aus der ganzen Welt. Interessant sind die Filme oft schon deshalb, weil die Spanier nicht der Unsitte verfallen sind, gleich jeden Film zu synchronisieren. Man kann aber auch in eine Kneipe gehen und dort eine leckere Tapa verputzen. Wenn man dann die zweite oder dritte bei einem Schlückchen Weißwein vernascht hat, dann wird man sich zwangsläufig die Frage stellen, wie es die Spanier bei solchen Köstlichkeiten nur schaffen können, so dünn zu bleiben. Aber das ist eigentlich nicht schwer, denn wegen des warmen Wetters ißt man weniger.
Von einem Besuch einer Bar am Samstagabend, zumal in der Altstadt, wird teilweise gewarnt, denn er kann überraschend enden. Es besteht die große Wahrscheinlichkeit, daß man zwischen zwei Pfeifsignalen nicht als Gast für den Wirt existiert. Denn dann regiert der Fußball die Seelen der Barcelonesen. Und das ist derart beeindruckend, daß man sich gerne seinem Schicksal fügt und Teil des rotblauen Meeres wird. Fußball in den Bars zu genießen, ist auch fast schon ergreifender als im Stadion zu sitzen. Vor allem, wenn Barca gewinnt. Wenn der Verein verliert, dann weint Barca. Und sollte man gegen - der Barcelonese möge mir jetzt bitte verzeihen, wenn ich überhaupt daran zu denken wage - Madrid verlieren (letzte Saison 0:5), dann zieht sich das Wehklagen hin bis zum Montag, an dem alle Zeitungen von diesem Weltuntergang berichten. Nein, es ist schlimmer. Es ist so deprimierend, daß man das Wochenende am liebsten vergißt. Und das, nachdem man zwanzig Jahre beim Thema Fußball immer wieder auf das Spiel von 1974 hingewiesen wurde, bei dem man Madrid mit 5:0 besiegte (das Gefühl ist noch schlimmer, als wenn der 1. FC Köln 0:10 gegen Bielefeld - Amateure versteht sich - verlieren würde).
Doch nach einiger Zeit gewöhnt man sich an solche Absonderlichkeiten und - je länger man da ist - wird man Teil von Barcelona, so daß man sehnsüchtig zurückblickt, wenn das Studium zu Ende ist.

8.2 Praktische Tips

Eines der ersten Probleme wird sein, daß man niemanden kennt. In der Jurafakultät werden auch nicht allzu viele Deutsche studieren (neben mir gab es noch zwei Berliner). Die Spanier lernt man schnell kennen. Wenn man unbedingt Kontakt zu Deutschen sucht, so lohnt sich ein Gang zu dem BWL-Erasmusbüro, denn die UAB hat einen regen Austausch mit Passau. Man sollte dann aber nicht vergessen, daß man dann die Sprache nicht ganz so schnell lernt. Daneben bietet der kostenlose Sprachkurs eine sehr gute Möglichkeit, andere Ausländer kennenzulernen. Allein aus diesem Grund ist die Teilnahme sinnvoll.
Hingegen braucht man nicht unbedingt das Einwohnermeldeamt zur Anmeldung zu gehen. Die Polizei wird schon nicht eines Tage vor der Tür stehen. Dafür ist sie in der ganzen Stadt stets präsent, was einem schon ein Gefühl von Sicherheit geben kann. Auch in der Bahn und Metro - die sicherlich sinnvollsten Verkehrsmittel - passiert recht wenig. Wenn aber etwas passieren sollte, so stellt sich die Stadtpolizei als völlig unfähig dar, wie ich es leider selbst nach einem Raubüberfall erleben mußte. Aber sogar das kann einem Barcelona nicht vermiesen.
Geldmäßig gab es kaum Probleme, da man überall mit einer EC-Karte Peseten ziehen konnte. Vor dem Abflug sollte man prüfen, ob die EC-Karte auch noch im nächsten Jahr gültig ist, wenn man über Weihnachten nicht nach Hause fliegt. Schließlich bietet die Uni spottbillige Skitouren nach Andorra an. Das Leben ist angenehm preiswert, wenn man wie Spanier lebt. Will man hingegen richtig Geld loswerden, so braucht man nur eine Wohnung nehmen, die speziell nur an Ausländer vermietet wird. Die sind dann aber auch oft wesentlich sauberer.
Überhaupt ist die allgemeine Unzuverlässigkeit ein nicht zu unterschätzendes Problem. Einerseits kann man - wie ein Kommilitone aus Berlin - daran verzweifeln, andererseits kann man auch durch das Nichtstun angesteckt werden. Doch diese unbeschreiblich schöne und interessante Stadt aus Faulheit nicht kennenzulernen, wäre ein unglaubliches Versäumnis.


9. Zusammenfassung

Gerade ging mir die Frage durch den Kopf, ob ich das Auslandsstudium wieder machen würde. Zwar hat die Zeit im Ausland die Gesamtdauer meines Studiums verlängert. Doch die Erfahrungen, die man dadurch gewinnt, sind es wert: Man lernt eine Menge Leute, sich selbst und insbesondere auch eine unglaubliche Stadt kennen. Man sieht danach die Welt und Deutschland aus einem etwas anderen, nicht so deutschen Blickwinkel.
Vielleicht besteht wirklich die allgemeine Tendenz bei Auslandsstudenten, wieder ins Ausland zu gehen. Wer einmal gepackt wurde, den läßt die Ferne kaum mehr los.
Deshalb hoffe ich, daß ich eines Tages wirklich auf dem Fuji stehen werde.

Ich hoffe, daß ich ein wenig meiner Begeisterung vermitteln konnte und der Bericht zur Entscheidungsfindung beigetragen hat.

Abschließend soll Prof. Dr. Wacke und Frau Mönnich herzlich gedankt werden, die mir diese wunderbare Erfahrung ermöglichten.

Für Fragen, Tips und Anregungen bin ich immer offen. Drücken Sie einfach hier, wenn Sie mir mailen wollen.


Winke-winke zum Abschied


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